1.    KONDENSSTREIFEN - Karsamstag im Corona Jahr

© Gerlinde Pauschenwein 

 

Seit Wochen verläuft das Leben, wie es nie zuvor war. Die Welt ist durch CORONA in einem Ausnahmezustand. Die Generation 65+ zählt zur hoch gefährdeten Gruppe, muss besonders geschützt werden. Quarantäne in den eigenen vier Wänden!

Zum ersten Mal seit 20 Jahren wird mir im negativen Sinne bewusst, was es bedeutet, als Single zu leben. Mein sonst sehr intensives soziales Leben, ist am Null Punkt angekommen. Allein sein, ohne Kinder und Enkelkinder, ohne Freunde zu treffen! Es gibt keine kulturellen Veranstaltungen, weder in Theatern - noch in Konzertsälen. Museen, Galerien, Kinos, Kaffeehäuser, alle Geschäfte außer den >systemrelevanten< Lebensmittelläden und Apotheken sind geschlossen. Täglich höre ich den Podcast des Virologen Dr. Drosten auf NDR und sehe die regelmäßigen Auftritte unserer Spitzenpolitiker in den Medien.

Die „Corona Regeln“ werden, wie es scheint, von den meisten Menschen eingehalten, es gibt dennoch Verweigerer, die alles für übertrieben halten. So vernünftig diese Maßnahmen im Interesse der Volksgesundheit auch sind, sie erinnern mich an das Theaterstück >1984<, welches ich im Vorjahr gesehen habe. George Orwells apokalyptische Prognosen werden längst übertroffen – durch Corona sind wir in unserer freien Welt in einem Überwachungsstaat angekommen. Am schlimmsten ist wohl das Verbot aller sozialen Kontakte, auch mit Familienmitgliedern, die nicht im gleichen Haushalt leben.

2020 - welch traurige Ostern!

Energielos liege ich im Liegestuhl im vierten Stock auf der Loggia. Auffallend ist der azurblaue Himmel, wie ich ihn seit meiner Kindheit nicht mehr in diesem leuchtenden Blau gesehen habe. Damals lebte ich am Land. Wir Kinder unterbrachen unser Spiel im Garten, sobald wir einen Kondensstreifen am Himmel sahen. Ein Flugzeug zu hören oder gar zu sehen war etwas Besonderes. Ein kleines Wunder für uns Volksschulkinder. Später dann, ab der Pubertät, rief jeder Kondensstreifen ein Gefühl von Fernweh und Träume von großer Freiheit hervor.

Und heute?

Kondensstreifen, die ich noch vor wenigen Wochen als etwas belanglos Alltägliches nur selten registrierte, erregen heute meine Aufmerksamkeit. Vor einer Stunde sprang ich auf und machte einige Fotos, als weiße Striche in mindestens 8 km Höhe das Blau durchquerten. Seit Wochen habe ich kein Flugzeug mehr gesehen. Nicht Fernweh, sondern Wehmut ist es, die mich im Moment bewegt. Dieses strahlende Blau ist einer weltweiten Katastrophe; dem Coronavirus geschuldet. Es stimmt mich nachdenklich, dass anscheinend nur ein gefährliches Virus die weltweite Zerstörung der UMWELT seit einigen Wochen anhalten kann.

Ein Umdenkprozess, seit Jahrzehnten von Umweltschützern gefordert, hat in der Politik meist nur zu leeren Versprechungen geführt, zu wenig wurde von Seiten der Gesetzgebung für die Umwelt in die Tat umgesetzt. Die Warnungen der zuständigen Wissenschaftler wurden ignoriert, Profitgier steht in unserer Gesellschaft an oberster Stelle.

Und nun beweist uns der Lockdown, dieser weltweite Ausnahmezustand, dass Konferenzen problemlos über Video abgehalten werden können. Wie viele Flüge lassen sich damit umweltschonend einsparen? Homeoffice heißt ein weiteres aktuelles Schlagwort. Manche Firmen und viele Mitarbeiter finden Gefallen an der neuen Art der Beschäftigung. Fahrzeiten werden eingespart, Unfälle verringern sich, der Smog in den Großstädten geht messbar zurück. Die Luftverschmutzung geht messbar zurück. Die Natur atmet auf. Die Lebensqualität in den Städten steigt durch das Herunterfahren unseres Wirtschaftssystems, wenn man dies nur im Kontext zur Umwelt betrachtet.

Venedig zeigt in den Medien Bilder vom Canale Grande und anderen Kanälen mit klarem Wasser, statt der sonst üblichen schmutzigen Brühe. Ob tatsächlich Delphine bis in manche Häfen schwimmen, weil Kreuzfahrtschiffe mit bis zu 3000 Menschen, nicht mehr bis San Marco kommen, mag ein Werbegag von Umweltschützern sein.

Während der erlaubten, kurzen Spaziergänge drehe ich täglich allein einige Runden durch den kleinen menschenleeren Park, in kurzer Entfernung zu meiner Wohnung. Das Blühen der Bäume, die Wiesenblumen und das Vogelgezwitscher nehme ich intensiver als sonst wahr. Ich mache mir Gedanken, wie es nach Corona weitergehen wird, fürchte, es wird nur eine kurze Erholungsphase für die Umwelt gewesen sein. Die Politiker werden sich auf die hohen Schulden berufen, die Wirtschaft muss wieder in Schwung kommen, die tausenden Arbeitslosen in den Arbeitsprozess zurückgeführt werden. COVID 19 zeigt die Schwächen unseres Systems auf. Die Ausbeutung der Menschen, wie wir es aus der Geschichte des 19. Jhdts. kennen, zeigt sich nun auch in unserer Gesellschaft bei Erntehelfern, Altenpflegern und Leiharbeitern aus den armen Oststaaten Europas. Die Menschen, unter dem Mindestlohn bezahlt, werden bei schlechten hygienischen Bedingungen in Massenquartieren untergebracht. Sie arbeiten bis zu 12 Stunden am Tag, ohne Urlaub, ohne Krankenstand, es sind menschenunwürdige Umstände. Die Reichen werden noch reicher, die Armen noch ärmer.

Der Klimawandel, als Bedrohung wird angesichts der Pandemie verdrängt, die „Friday for Future“ Bewegung ist wegen Corona untergegangen, vergessen ist der Umweltgedanke. Für notwendige, nachhaltige Maßnahmen gibt es keine finanziellen Ressourcen. Umweltzerstörung und Ausbeutung werden danach weitergehen, als hätte es Corona nie gegeben. Es wird wieder so sein wie früher, nur die Gesellschaft, die zwischenmenschlichen Beziehungen, sind durch COVID 19 zerstört und unterbrochen.

Nach Corona werden Massentourismus und Egoismus in verstärktem Umfang zurückkehren. Die Menschen haben nie aus der Geschichte gelernt, warum sollten sie aus der Gegenwart etwas lernen? Oder sehe ich dies zu pessimistisch?