Thema für die Literaturtage am Semmering  Mai 2016

Die Stirne an die Hauswand gelehnt, die Augen fest geschlossen, langsam laut bis ZEHN zählend, während alle anderen Kinder im Garten die besten Verstecke zwischen Obstbäumen und Sträuchern oder im dunklen Keller erkundeten, so begann eines der beliebtesten Spiele, als ich ein Volksschulkind war. Je mehr beim VERSTECKSPIEL mitmachten, umso länger dauerte es, bis wieder alle am vereinbarten Treffpunkt zusammenkamen. Wer als erster gefunden wurde, musste als nächster „EINISCHAUN“. Die mutigen Buben hatten meist die besseren Verstecke, sie kletterten auf Bäume und waren im dichten Laub der Blätter nur schwer auszunehmen. 

 

Ebenso beliebt wie der elterliche Garten mit dem von außen zugänglichen Keller, war das Grundstück eines Onkels. Neben einem Holzschuppen gab es am Ende des steil ansteigenden Grundstückes eine große Scheune.   Auf etwa 1m Höhe über dem harten Lehmboden war ein Bretterboden eingezogen, der wohl früher für die Lagerung des Heus genutzt worden war, uns Kindern aber eine Bühne für beliebte Stegreif Theateraufführungen bot. Bei Buben besonders beliebt war ein uralter, hohen Nussbaum mir einem 2x2m großen Baumhaus. Wenn sie nicht mehr mit uns Mädchen spielen wollten, dann versteckten sie sich in diesem Baumhaus, das für uns Zopfträgerinnen ebenso tabu war, wie Fussballspielen und Pfitschigogerln.   

 

An die glückliche Kindheit im Burgenland erinnere ich mich gerne. Eingebettet zwischen Wäldern, Kastanienhainen und Erdbeerfeldern erstreckt sich WIESEN am Fuße des Rosaliengebirges. Als ältestes von drei Kindern  wuchs ich neben zwei jüngeren Brüdern in einer harmonischen Familie auf. Das große Haus, in einer ruhigen Seitengasse gelegen, war von einem Garten mit Obstbäumen, Gemüse – und Erdbeerbeeten sowie vielen Blumen umgeben. 

 

Für die Generation meiner KINDER und ENKELKINDER ist es unvorstellbar, dass wir Ende der 50iger Jahre auf der Straße spielen konnten.     Die Freizeit und Ferien verbrachten wir stets im Freien mit „RÄUBER UND GENDARM“, „VERSTEINERT“, „FEDERBALL“, „VÖLKERBALL“ und anderen Spielen. Besonders beliebt war das TEMPELHÜPFEN.  Mit einem Stück weißer Kreide aus Mutters Schneiderwerkstatt oder mit einem Stück roten Dachziegel, zeichneten wir den Tempel auf den Asphalt. Sie alle kennen das Spiel und erinnern sich daran, wie schwierig es war, durch Hüpfen auf einem Bein den flachen Kieselstein aus einem Feld wieder aufzuheben, den man vorher gezielt geworfen hatte, ohne dabei den Boden zu berühren. Dies erforderte Geschicklichkeit und einen guten Gleichgewichtssinn. 

 

In unserer Straße wohnte nur EIN Autobesitzer, der täglich von Eisenstadt um etwa 17:45 nach Hause kam und auch Vater aus dem Büro mitbrachte. Fahrgemeinschaften waren damals üblich. Um 18Uhr, mit dem Läuten der Abendglocke beendeten wir unaufgefordert alle Spiele und liefen mit roten Wangen, meist hungrig nach Hause. 

 

Nicht ungefährlich was das SCHUBABAUEN an sonnig - heißen Tagen. In meiner Erinnerung gab es in meiner Kindheit fast nur heiße sonnige Sommertage. 

 

 Durch den Ort fließt der Edlersbach. Die größeren Buben zimmerten aus Holzbrettern einen etwa 1m50 hohen SCHUBA, der Form des Bachbettes angepasst.  Es dauerte nur kurze Zeit, bis der Bach aufgestaut war und wir darin plantschen konnten. Ein beliebter und billiger Ersatz für das Schwimmbad. Voll Spannung warteten wir auf jene Momente, wenn zwei starke Burschen den 

SCHUBA zur Seite zogen und wir meterweit von den Wassermassen mitgerissen wurden. Nur wenige Kinder konnten schwimmen, ein Wunder, dass nie etwas Schlimmes passiert ist. 

 

An kühlen Herbsttagen und im Winter spielten wir Mädchen mit Puppen, die Buben waren mit dem MATADOR  beschäftigt. Täglich vor dem Schlafgehen gab es die beliebte Spielstunde mit den Eltern. DKT, TYP DOM, QUARTETT, Brettspiele von Halma bis Mühle aus der umfangreichen Spielesammlung, mit zunehmendem Alter kamen anspruchsvolle Quizspiele und SCHACH hinzu. 

 

An den Wochenenden wanderten wir oft zur Burg Forchtenstein, oder zur höchsten Stelle des gleichnamigen Gebirgszuges, zur Rosalienkapelle. Spannend waren Vaters Erzählungen von der grausamen Fürstin SALAH. Diese SAGE wollten wir immer wieder hören. Auf Waldlichtungen nahe frisch sprudelnder Quellen hielten wir Rast, aßen die mitgebrachten Butterbrote und löschten den Durst mit kaltem Quellwasser.  Während Mutter für mich einen Kranz aus Gänseblümchen flocht, spielte Vater mit uns BLINDE KUH und stolperte zu unserem großen Vergnügen über jeden Maulwurfshügel. Urlaube leisteten sich die Eltern nur wenige Tage im August. Unsere religiöse Mutter liebte MARIA SCHUTZ. Es gefiel uns Kindern gar nicht, dass die Eltern viele Jahre im Gasthaus nahe der Kirche in Schottwien abstiegen. Heute noch habe ich den unangenehm lauten Klang der Kirchenglocke im Ohr, der uns frühmorgens unsanft aus dem Schlaf gerissen hat.  Die Wanderungen im steilen Gelände am Semmering waren für Mutter zwar anstrengend, für uns Kinder voller Abenteuer und Überraschungen. Wenn wir über blühende Almen liefen und die Bussarde über uns kreisten, erklärte uns Vater die vielfältige Flora und Fauna. Kamen wir an Kuhherden vorbei, beschlich mich oft das mulmige Gefühl der Ungewissheit, ob die elektrische Spannung des Weidezaunes uns wirklich vor den Kühen und dem STIER beschützen könne. Bei einem Kirtagsstandl in Maria Schutz bekamen wir jedes Jahr vor der Abreise ein Geschenk für das BRAVSEIN! Ich erinnere mich noch sehr genau an eine ganz besondere Heimfahrt mit der Semmeringbahn. Der schrille Ton zweier TRILLERPFEIFEN erklang, sobald die Lok in die fünf Tunnels zwischen Schottwien und Mürzzuschlag einfuhr. Das Pfeifen endete erst, wenn die Dampflok den Tunnel wieder verließ.  Meinen beiden Brüdern bereitete es unendlich großen Spaß, ihrem Pfeiferl den lautesten Ton zu entlocken! Die Mitreisenden akzeptierten dies verständnisvoll lächelnd. Vielleicht wurden sie an ihre eigenen Streiche aus Kindertagen erinnert. 

 

Kindheitserinnerungen an eine Zeit OHNE Computer, Elektronik, Gameboy und Handy, aus den Anfängen des Fernsehens – gespeichert im Langzeitgedächtnis. 

 

„Erinnerung, ein Paradies, aus dem wir nie vertrieben werden können …“ wie Jean Paul es so trefflich formuliert hat. 

 

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Ergänzung: 

DIE GRAUSAME BURGFRAU VON FORCHTENSTEIN 

 

Rosalie, die Gattin des gütigen, gerechten Fürsten Giletus von Forchtenstein, war eine herzlose, grausame Frau, der ihre Untertanen weniger galten als ein Stück Freiwild. Solange ihr milder, menschenfreundlicher Ehemann auf der Burg lebte, konnte sie ihrer Grausamkeit und Willkür weniger Zügel schießen lassen; aber als der Fürst einmal in den Krieg gezogen und die Burgfrau Alleinherrin über ihre Untertanen war, begann eine Zeit des Schreckens für die armen Landwirte. Sie peinigte und bedrückte die hilflose Bevölkerung in der herzlosesten Weise, ließ sie, wenn nur ein Groschen weniger Steuer einging oder die Abgabe nicht pünktlich auf den Tag geliefert wurde, unbarmherzig in den Schuldturm werfen, ja, viele, die ihr nicht zu Gesicht standen, mußten grundlos in den schwarzen Turm wandern, wo manche sogar den Hungertod fanden. 

Als Giletus nach Jahren aus dem Krieg heimkehrte, klagten ihm die unterdrückten Landwirte ihr Leid und erzählten, wie grausam die Fürstin mit ihnen umgegangen sei. Giletus versprach ihnen, seine Frau zur Rechenschaft zu ziehen. Bei einem Festmahl, an dem viele Gäste teilnahmen, schilderte der Fürst die Erlebnisse auf seiner Kriegsfahrt und kam dabei auch auf eine hartherzige Frau zu sprechen, die ihre Untertanen grausam gequält habe, wobei er allerlei böse Taten anführte, wie sie nach Angabe der Bauern von Rosalie verübt worden waren. Dann fragte er seine Gäste, welche Strafe solch ein schändliches Frauenzimmer verdiene. "Den Tod!", war die einstimmige Antwort. Als sich der Fürst sodann an seine Ehefrau wandte und sie fragte, wie sie eine solche Frau bestrafen würde, sagte sie, ohne mit der Wimper zu zucken: "Ich würde sie an eine Querstange binden und in einen tiefen Schacht hängen, wo sie elend verhungern sollte." Da erhob sich Giletus und sprach: "Salah, du hast dein eigenes Urteil gesprochen!" 

Die grausame Burgfrau wurde an ein Seil gebunden, das an einem Querholz befestigt war, und in den schwarzen Turm hinabgelassen, wo sie, am Seil über den Opfern ihrer Grausamkeit hängend, elend verhungern musste. Alle Viertelstunden trat die Burgwache an eine Turmöffnung heran und rief in den Turm hinab: "Salah he!" Und jedesmal drang ein grausiger Schrei aus der Tiefe empor. Erst am achten Tag wurde es 

stille im Turm. Die Schlossherrin hatte ihr verdientes Schicksal gefunden. 

Seitdem schwebte immer um Mitternacht der Geist der toten Schlossherrin gespenstisch leuchtend um den schwarzen Turm der Burg Forchtenstein. Erst wenn die Burgwache, ins Gewehr tretend, ein gedehntes "Salah he!" zum Turm herüberrief, verflüchtigte sich der nächtliche Spuk. 

Jahre- und jahrhundertelang wiederholte sich die gleiche Erscheinung. Erst als in späterer Zeit ein Burgherr von Forchtenstein zur Sühne auf einem nahen Berg die Rosalienkapelle erbauen ließ, fand der Geist der grausamen Schlossfrau die ewige Ruhe. 

Nach einer anderen Überlieferung ließ der Burgherr seine herzlose Frau in einem Gewölbe des schwarzen Turmes einmauern. Als man nach Jahrhunderten das Gewölbe aufbrach, soll man darin ein Skelett gefunden haben. b) 

 

 

Quelle: Die schönsten Sagen aus Österreich, o. A., o. J., Seite 231