Thema für eine Lesung am Semmering beim "Zauberbergsommer" 2017

 

„Die Brille passt nicht!  Ich sehe alles verschwommen“, sagte Linda zu dem jungen Verkäufer im Brillengeschäft eines großen Diskonters.

 

„Gnä´Frau, Sie müssen sich erst an die Bifokalbrille gewöhnen, diese Armani Brille bekommens nirgends so günstig wie bei uns.“ Er klang ungehalten, kassierte und wandte sich dem nächsten Kunden zu.

 

Vorsichtshalber setzte Linda ihre alte bifokale Brille bei der Heimfahrt auf. Das war vielleicht lebensrettend.

 

 Zwei Tage später kam eine Galeristin in ihr Atelier, um die neuen Bilder für eine geplante Ausstellung zu besichtigen. Natürlich trug Linda zum ersten Mal die neue schicke Armani Brille. Zwölf  Stufen führten ins Untergeschoss, wo sie die Bilder lagerte.

 Sie trat auf die erste Stufe und sah plötzlich alles verschwommen. Kopfüber stürzte sie und im Bruchteil einer Sekunde wurde ihr klar, wenn sie mit dem Kopf auf einer der Stufen aufschlägt, könnte sie tot sein. Intuitiv legte sie die rechte Hand schützend vor den Kopf.

 Ein Aufschrei der Galeristin und ein unbeschreiblicher Schmerz folgten fast zeitgleich. Linda konnte nicht aufstehen. Binnen 15 Minuten war die Rettung bei ihr und brachte sie ins nächste Krankenhaus.

 

 „Es handelt sich um einen sehr komplizierten Trümmerbruch des Radiusköpfchens im rechten Ellbogen“, wurde ihr lakonisch nach dem Röntgen mitgeteilt.

 „Es wird viele Monate dauern, bis ihre Hand wieder brauchbar sein wird. Eine Behinderung bleibt sicher zurück.“

Dies war die schockierende Mitteilung des Chirurgen, der ihr eine Teilprothese in den rechten Ellbogen implantierte.

 >Viele Monate Therapie, bleibende Behinderung? < Lindas Gedanken rotierten.

 

 Wie soll das Leben weitergehen, jetzt, wo sie sich endlich mit 46 Jahren dazu durch gerungen hatte, sich nicht länger von ihrem Macho Ehemann Rolf unterdrücken zu lassen. Gedichte schreiben und Bilder malen sei sinnlose Zeitverschwendung hatte sie viele Jahre in Streitgesprächen gehört.

 

Der Bildverkauf würde ab sofort ihre einzige Einkommensquelle werden, denn in den Schuldienst konnte sie nach so vielen Jahren nicht zurück. Wie sollte sie mit einer behinderten Hand malen? In wenigen Wochen gab es den Scheidungstermin. Sie wollte bis dahin das Protokoll unterschreiben können. Das war ein erstes Ziel!

 

Am Tag nach der Operation kam ihr Noch-Ehemann und meinte sarkastisch:

 „Jetzt kannst dich aber nicht scheiden lassen. Das würde meinem Image schaden, die Patienten würden sagen, ich hab dich im Stich gelassen. Außerdem kannst eh nicht unterschreiben.“

Linda schickte ihn weg und ließ sich von einer Freundin Schreibblock und Kuli bringen.

 

Sofort begann sie mit Schreibübungen der linken Hand. Nach einigen Tagen glich das Gekritzel immer mehr einer brauchbaren Unterschrift. Sie hatte ja noch Zeit. Auch ein Reha-Aufenthalt von drei Wochen lag noch vor dem Scheidungstermin.

 

Ihre rechte Hand schmerzte, trotz starker Schmerzmittel. Die Position der bis zur Schulter eingegipsten Hand war ein Winkel von 100°, angepeiltes langfristiges Ziel war: weitgehende Streckung der Hand sowie Verbesserung der Supination.

 

 Bei der Aufnahme am WEISSEN HOF meinte die Oberärztin, man könne ihren Aufenthalt sicher um zwei Wochen verlängern, weil diese Verletzung eine sehr langwierige Therapie verlange.

 

Linda antwortete: „In vier Wochen ist mein Scheidungstermin. Ich will das Protokoll mit der rechten Hand unterschreiben. In drei Wochen werde ich auch wieder malen.“

 

Darauf meinte die Oberärztin eher schroff: „Es gibt hier keine Wunderwuzzis, auch SIE müssen Geduld haben.“

 

Linda sagte darauf mit voller Überzeugung: „Bitte geben Sie mir den besten Therapeuten, ich arbeite mental mit! Auch malen würde ich gerne.“

 

Den zweifelnden Blick der Ärztin wird Linda nie vergessen. >Die Ärztin denkt, ich bin übergeschnappt< ging es Linda durch den Kopf.D

Die nächsten drei Wochen waren unglaublich hart. Sie übte viel mehr, als ihr vorgeschlagen wurde.

 

In der ersten Maltherapiestunde traf Linda auf einen Mann, dem beide Hände nach einem Stromunfall amputiert worden waren. Die Therapeutin band ihm einen dicken Pinsel auf seinen rechten Stumpf, er strahlte vor Glück, weil er malen durfte. Ein sechsjähriges beinamputiertes Mädchen saß im Rollstuhl und malte mit Wasserfarbe lauter rote Bilder, das ganze Blatt nur rot. Linda lächelte das Kind neben ihr an und sagte:

 

„Du magst die Farbe Rot aber sehr gerne.“

 

Das Mädchen schaute sie traurig von der Seite an und erwiderte:

 

„Das ist der Rotwein vom Papa, und das Blut von meinem Bein. Der Papa hat immer so viel getrunken, dass er mich im Hof auf dem Traktor nicht gesehen hat“ und sie malte das nächste rote Bild.

 

Diese beiden schicksalhaften Begegnungen und die vielen Gespräche mit der Maltherapeutin, brachten den Wendepunkt in Lindas Berufsleben.

 

Plötzlich wusste sie, was sie in Zukunft machen wollte: Als Maltherapeutin mit kranken Menschen arbeiten. Dafür brachte sie als ehemalige Pädagogin, mit 15 Jahren Erfahrung im Umgang mit Patienten in der Landarztpraxis ihres Ex-Ehemannes und als bildende Künstlerin die besten Voraussetzungen mit.

 

 Bei der Abschlussbesprechung nach drei Wochen überreichte Linda der Oberärztin mit der zu 160° gestreckten Hand vier Aquarelle mit unterschiedlichen, vom Wind gepeitschten Bäumen. Sie hatte im großen Gang des Krankenhauses in einer Ecke unter einem Fenster einen kleinen Tisch bekommen, darauf malte sie ihre ersten vier Aquarelle nach dem Sturz, dazu schrieb sie das Haiku:

 

Den Lebensstürmen – voll Optimismus trotzen – was bleibt, ist Hoffnung.

 

 Die staunende freundliche Oberärztin verabschiedete sich von Linda mit den Worten:

 

 „Ich bin Schulmedizinerin und glaube nicht an Wunder. Aber seit ich SIE kenne, glaube ich an das Wunder der eigenen Motivation! Bitte erzählen sie ihre Geschichte weiter, das kann vielen Menschen helfen.“

 

 Ab Oktober belegte Linda Kurse bei Dr. Menzen, dem Gründer des österreichischen Kollegs für Kunsttherapie. Ein Jahr später bekam sie die Chance in einem neu eröffneten Reha Zentrum im Weinviertel die Maltherapie aufzubauen.

 

 Diesen sehr erfüllenden Beruf übte sie bis zu ihrer Pensionierung aus. Dazwischen kam Dr. Menzen einmal sogar ins Weinviertel um die erste Ausstellung zu eröffnen, die Linda mit den Patientenbildern im Foyer der Klinik plante und an Hand, derer man die unterschiedlichen Krankheitsbilder erkennen konnte.

 

Eine Pharmafirma gab mit einigen dieser Bilder einen Kunstkalender heraus, der in Fachkreisen sehr viel Beachtung fand.

 

 Noch etwas passierte ein Jahr nach diesem Sturz. Linda sah im Fernsehen eine unverschämte Werbung des Diskonters vor einem Geschäftslokal eines Konkurrenten. Da packte sie die Wut. Sie ließ die Brille, die den Sturz schadlos überlebt hatte und seither in der Lade lag, untersuchen. Es stellte sich heraus, dass diese vollkommen falsch an sie angepasst worden war, ein Optiker meinte sogar, man hätte ihr wahrscheinlich die falsche Brille ausgefolgt, denn so viele Fehler auf einer Brille können nicht passieren! Die Innung wollte sofort den Fall aufnehmen. Sie könne mit einer Entschädigung bis zu 20.000 Schilling rechnen, teilte man ihr mit. Linda überlegte, welchen Vorteil sie hätte, sich vor den Karren der Innung spannen zu lassen. Keinen!

 

Sie wollte vorher selbst mit dem Geschäftsmann verhandeln und schrieb ihm einen Brief, dem sie die KH- Befunde und das Attest zur Brille beilegte.

 

Abschließend stellte sie die rhetorische Frage, was er in diesem Fall erwarten würde, wenn seiner Frau Ähnliches passierte.

 

Am nächsten Tag kam ein Anruf und sie wurde vom Industriellen-Ehepaar ins SACHER zum Essen eingeladen. Nach zwei Stunden legte ihr der Geschäftsmann als Entschädigung einen Scheck auf den Tisch, der den vielfachen des erwarteten Betrages aufwies. Er ließ sich allerdings das schriftliche Versprechen geben, dass der Fall nicht an die Innung oder an die Medien übergeben wird.

 

 Heute, 20 Jahre später, beim Niederschreiben dieser beinahe unglaublichen Geschichte ist Linda davon überzeugt, dass es Schicksalsschläge gibt, die uns im Leben weiter bringen auf dem Weg zu uns selbst. Um unsere Potentiale, unsere Talente zu erkennen, um zu wachsen bedarf es manches Mal eines schmerzhaften Umweges.