"22.Literarischer Zauberbergsommer" Dieses Thema wurde für eine Lesung am Semmering vorgegeben.

SCHÖN ist die WELT.

 

„Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten“.

Als ich in jungen Jahren zum ersten Mal auf diesen Ausspruch von Sigmund Freud stieß, traf er mich mit voller Wucht. 

   Wie nur konnte ein so namhafter Tiefenpsychologe einen derart verstörenden Satz formulieren? Dem wollte ich sofort widersprechen. Sind nicht alle Menschen immer auf der Suche nach Glück? 

 Da stand ich vor einer Hürde. Ich fragte mich: Kann man Glück suchen? Wie lässt sich Glück definieren? 

 Würde man eine Umfrage machen, bekäme man sehr unterschiedliche Antworten, denn Glück hat viele Namen: Liebe, Familie, Kinder, Gesundheit, Beruf, Besitz, Reichtum, Schönheit, innere Zufriedenheit, die Liste ließe sich fortsetzten.

 Ich habe noch den Ausspruch meiner Mutter im Ohr, die uns Kindern sagte: „Jeder ist seines Glückes Schmied!“

 Ich verstand sie damals nicht, ich lebte eine wohlbehütete fröhliche unbeschwerte Kindheit in der Geborgenheit einer harmonischen Familie. 

 Eigentlich dachte ich bis zu meinem 17. Lebensjahr nicht ernsthaft darüber nach, was Glück bedeutet. Dieser Gedanke kam mit dem ersten Verliebtsein, mit der ersten Enttäuschung - da wusste ich plötzlich, wie sich unglücklich sein anfühlt und gleichzeitig begriff ich, der Zustand bisher war ein glückliches Leben. 

 

  Wie oft haben Sie sich die Frage gestellt, ob Sie glücklich sind? 

 

 Jeder Mensch macht im Laufe seines Lebens verschiedene Phasen des Glücks durch und hat unterschiedliche Parameter als Maß dafür. 

Wir alle wissen, Glücklichsein ist kein permanenter Zustand.

 

  Ich blende zurück und frage mich, was ich als junge Frau unter Glück verstand. Sofort fällt mir ein Wochenende im Rauristal ein, ich war 30 Jahre alt und verliebt.

 Aus meinen vielen Manuskripten, die im Computer gespeichert sind, suchte ich jenen Bericht, der diese glücklichen Tage festhielt. Stark gekürzt nehme ich einen wesentlichen Teil davon heraus: 

  „Unvergesslich bleibt das Wochenende in Rauris. Die mehrstündige Wanderung im Herzen des National-Parks Hohe Tauern zählt zu den am tiefsten empfundenen Naturerlebnissen in meinem Leben: Es schenkte mir das Eins sein mit der Natur und dem geliebten Mann an meiner Seite. Hand in Hand, in tiefer Verbundenheit schweigend, dann wieder über Konrad Lorenzs, Erich Fromms, und Viktor Frankls Bücher diskutierend, wanderten wir durch diese herrliche Landschaft. Immer wieder umarmte und küsste mich Paul. Wir beobachteten die kreisenden Bussarde, deren ruhiges Dahingleiten im Blau des Himmels, wir sahen den Sturzflug eines Falken, der aus enormer Höhe seine Beute erspäht hatte. Pauls geschultes Jägerauge entdeckte einen Adlerhorst und Gämsen in steilen Felswänden. Auf malerischen Wegen kamen wir an urigen Berghütten vorbei, im grünen Wasser eines Bergsees spiegelten sich Wolken und Berggipfel. Wir genossen den Blick in die im Blau-Grau verschwimmenden Berge. Das dunkle Grün der Wälder, das Spiel des Windes mit den weißen Wolken, die warme Frühlingssonne, das frische Grün der Almwiesen - die Stille – und Pauls Liebe - all dies führte zum Gefühl des Eingebunden-Seins im großen Ganzen. Eine Wahrnehmung, die ich in dieser Tiefe bisher nicht kannte. Stunden, Tage des vollkommenen Glücks.“ 

Soweit ein gekürzter Ausschnitt…

 

Paul ist wenige Monate nach diesem Ausflug an einem Herzinfarkt verstorben… 

 

Das Wechselspiel des Lebens von höchster Erfüllung und plötzlichem Tod hat mich schwer getroffen. Allerdings gab mir das Leben auch die Kraft an Schicksalsschlägen zu wachsen und mental stärker zu werden.

Dennoch, oder gerade deshalb bin ich davon überzeugt, dass es nur weniger Dinge bedarf, um glücklich zu sein.

  Wenn ich heute Glück definiere, dann steht für mich an erster Stelle die Liebe zu einem Mann, dem man auf seelischer geistiger und körperlicher Ebene gleichermaßen verbunden ist. Wenn man diese tiefe Liebe einmal erlebt hat, und sei es auch nur für ein paar Jahre, dann kann man an im Leben nicht mehr unglücklich werden, denn Liebe gibt Lebenskraft. 

 Glücklichsein ist unabhängig von der Lebenssituation. Es ist die Einstellung zum Leben und das Wissen, dass unser Leben in Wellen verläuft. Marc Aurel hat es so formuliert: "Der Klippe gleich sein, an der sich ständig die Wogen brechen; sie aber steht unerschüttert." 

Wie ein Stoiker sollte man hinnehmen, was nicht zu ändern ist, denn es geht nicht um das glückliche, sondern um das „erfüllte“ Leben.    

 

 Es ist wohl das Ziel aller, ein erfülltes Leben zu leben, und das findet nicht in der Einsamkeit, sondern im Zusammenleben mit den Mitmenschen statt. Je älter man wird, umso mehr erkennt man, wie wichtig Freundschaften sind.

 

Glück wächst durch Lebensfreude, durch kreatives Schaffen und aus dem authentischen und selbstbestimmten Umgang mit den Mitmenschen. Durch den Beruf, mit einer Aufgabe, die dem Leben Sinn gibt, damit verbunden die Bereitschaft für andere da zu sein, durch soziales Engagement, wenn wir etwas Wesentliches für die Gesellschaft bewirken können, fühlen wir uns glücklich. 

Es zählt im Leben nicht, was wir an Gütern anhäufen, nicht Ruhm, nicht Karriere, nicht sozialer Status, sondern, was wir trotz aller Herausforderungen des Lebens geworden sind. 

 

Für mich bedeutet Glück innere Zufriedenheit, dankbar dafür BEWUSST ZU SEIN. Ich bin dankbar für meine Kinder, Enkelkinder, meine Kreativität, aber auch für die Schwierigkeiten, die ich meisten konnte.

 

Rückblickend auf mein Leben kann ich nun im Alter mit einem Lächeln sagen: 

Ich bin zufrieden. Ich war oft sehr glücklich. Das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, seinen Herausforderungen und Wendepunkten war und ist immer lebenswert. 

Die Welt ist schön!

Abschließen möchte ich mit einem Gedicht, das ich ebenfalls mit 30 Jahren geschrieben habe:

 

GLÜCK

Versuche nicht,

Die Stunden des Glücks.

Festzuhalten, zu zählen.

Wie die Zeit verrinnt,

Zerfließen auch 

Die Stunden des Glücks

Sei dankbar,

Dass deine Seele

Sie erkennen,

und tief

In deinem Innersten

Bewahren kann.

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 Dazu noch eines meiner Lieblingsgedichte von Hesse:

Solang du nach dem Glücke jagst, 

 

Solang du nach dem Glücke jagst, 

Bist du nicht reif zum Glücklichsein

Und wäre alles Liebste dein.

Solang du um Verlor´nes klagst 

Und Ziele hast und rastlos bist, 

Weißt du noch nicht, was Friede ist.

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst, 

Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst, 

Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,

Dann reicht dir des Geschehens Flut 

Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht.

(Hermann Hesse)